Joseph-Samuel FARINET
17. Juni 1845 - 17. April 1880 Falschmünzer und Robin Hood der Alpen
Den meisten Numismatikern und auch vielen Leuten im Wallis ist der Name Farinet ein Begriff. Joseph-Samuel Farinet war nämlich ein sehr eifriger Falschmünzer, sein Leben verlief wie ein spannender Kriminalroman.


Die 40jährige Marie-Pétronille Ronc-Tampan aus Saint-Rhemy-en-Bosses im Aostatal/I, Mutter von sechs Kindern, entschloss sich ca. 1843 in ihrer zweiten Ehe den 19jährigen Jüngling Farinet zu heiraten. Dieser Schritt war seinerzeit sicher etwas ganz Spezielles und Aufsehen erregendes, man sprach überall davon. Bald darauf, am 17. Juni 1845, wurde dem Ehepaar der Knabe Joseph-Samuel Farinet geschenkt. Dem kleinen Joseph-Samuel wurde wohl der Hang zum Besonderen und die Lust zum Leben und zur Freude schon in die Wiege gelegt. Er hatte ein sehr bewegtes und unruhiges Leben und verstarb auf tragische Weise am 17. April 1880.
Joseph-Samuel Farinet wuchs im Aostatal/Italien auf, wo er schon als junger Mann 1869 in Abwesenheit wegen Diebstahls zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. Zudem führte das dortige Bezirksgericht gegen ihn auch noch eine Untersuchung wegen Verdachts der Herstellung von falschen 50-Centesimi-Münzen durch. Um sich der italienischen Polizei und dem Gericht zu entziehen, flüchtete Farinet im selben Jahr in die nahe Schweiz, und zwar über den Grossen St. Bernhard ins Unter-Wallis.
Kaum in der Schweiz nahm sich
Farinet vor, als Falschmünzer tätig zu sein. Er entschied sich,
20-Rappen-Münzen zu prägen und s
chloss
sich dazu mit Einheimischen zusammen, nämlich mit dem Gerber François Frachebourg und den beiden Ofenbauern Louis Luisier und Jean-Pierre Cretton,
alle wohnhaft im Hause Frachebourg in Martigny-Bourg. Bald begann man unter
Farinets kundiger Leitung
Rohmaterial
und
Werkzeug sowie Spindelpresse anzuschaffen. Um diese Zeit kontrollierte
einmal Polizei-Korporal Julien Caillet-Bois im Unter-Wallis Francois Frachebourg.
Als ihm dieser einen Zollschein und zwei
Rollen aus weissem Metall vorwies sagte der Polizist lachend zu ihm "produzierst du damit
falsches Geld ?". Frachebourg erwiderte schlagfertig nein, das Material sei für einen
Kunden im Aostatal, der damit Schmuggel betreibe ! Mit dieser Antwort gab sich
der tüchtige Landjäger zufrieden ! Farinet und Kumpanen konnten also mit der Falschmünzerei
beginnen. Und zwar geschah dies wie folgt: In
einem Schmelztiegel wurde eine Legierung aus Kupfer und Nickel erstellt. Nach
der Abkühlung
war die Metall-Legierung ziemlich weich wie Blei. Nun presste man ein echtes 20-Rappen-Stück
(Patrize) in die weiche Legierung. So entstand die Negativ-Matrize, die alsdann
gehärtet und dadurch sehr hart wurde. Aus Nickel-Blech stanzte man dann
Rohlinge (Rondellen) heraus, die Gewicht und Durchmesser des 20-Rappen-Stücks hatten.
Mittels Spindelpresse wurde nun jeder Rohling zwischen die beiden Negativ-Matrizen
(Vor- und Rück-Seite der Münze) gepresst. Anschliessend wanderte die aus
dem Rohling gefertigte Münze in ein
Säurebad, wurde geschwärzt. Schlussendlich polierte man mit einem sauberen Tuch
die Münze. Und schon war wieder ein gefälschtes Zwanzig-Rappen-Stück hergestellt
(alle mit Jahrgang 1850 ?) !
Aus heutiger Sicht ist es nicht
ohne weiteres zu verstehen, weshalb Farinet "nur" 20-Rappen-Stücke fälschte.
Aber damals hatte ein solches Geldstück einen beachtlichen Wert, konnte man doch
damit immerhin 4-5 Kilo Kartoffeln kaufen
! Es war der Taglohn eines Alphirten. Männer gingen zweimal zum Barbier und
Soldaten tranken einen ganzen Nachmittag Rotwein mit einem Zwanziger. Zudem
herrschte um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz für viele Leute kaum
Wohlstand, ein Teil der Bevölkerung war sogar arm, da waren 20 Rappen schon viel
Geld.
Wie mutig der Falschmünzer und seine Kumpanen waren zeigt die Tatsache, dass einer seiner Leute, Louis Luisier, in Martigny-Bourg sogar seine Steuern im Betrag von 29 Franken mit diesem Falschgeld (also mit lauter 20-Rappen-Stücken) bezahlte. Derselbe beglich auch eine Gerichtsgebühr von Fr. 5.45 weitgehend mit 20-Rappen-Stücken, die nach Aussage des Gerichtsschreibers "ein reichlich seltsames Aussehen" hatten.
Richter Louis Gross aus Martigny
wurde von Henri Bioley, Chef der Justiz- und Polizei-Direktion des Kantons
Wallis, mit der Behandlung des Falschmünzer-Falles beauftragt.
Es gelang ihm nach
Hausdurchsuchungen und anfänglichem
Misserfolg Farinet am 24.1.1871, morgens 06.30 Uhr, im Hause der Gerberei
Frauchebourg in Martigny-Bourg festzunehmen und nach Sion ins
Gefängnis zu überführen. Auch die Kumpanen des Falschmünzers wurden verhaftet. Die ganze Untersuchung führte
Richter Gross
peinlich genau durch.
Er zählte sogar in Martigny in den Geschäften die 20 Rappen-Stücke, stellte
fest, dass 2669 gute und 1555 "schlechte" Münzen in den Kassen lagen. Es genügte
Richter Gross die Corpus Delicti zu zählen, beschlagna
hmen liess er sie aber
nicht !! Auch errechnete er einmal die Deliktsumme; Farinet soll für Fr. 8132.60 falsche 20-Rappen-Stücke
geprägt haben ! Das bedeutet, dass Farinet und seinen Kumpanen pro Nacht gegen
600 und insgesamt sogar über 40 000 Münzen hergestellt hatten. Denn die
Falschmünzer waren meistens nachts tätig, damit der hämmernde
Klang der Prägemaschine nicht in "unbefugte" Ohren drang.
Nach der ersten Festnahme gelang Farinet einige Zeit später die Flucht. Er wurde anschliessend von der Polizei erneut gesucht, wieder gefasst, abermals nach Sion transportiert und dort eingesperrt, da im Kantonshauptort die damals einzig sichere und funktionsfähige Zelle des Kantons Wallis war. Dort brach er mehrmals mit List wieder aus. Einmal via Toilette und einmal soll die Flucht gelungen sein, weil er dem Gefängniswärter Berthousoz einen Teller mit heisser Polenta ins Gesicht drückte, sodass dieser ausser Gefecht gesetzt wurde und Farinet weglaufen konnte. Oder Aussenstehende gaben ihm Mittel, um sich zu befreien. Prompt begann er jeweils erneut, seine Münzen zu prägen.
Die Walliser Behörden und die
Polizei lösten ihrer Pflichten bei der Ergreifung und der Inhaftierung von Farinet nicht immer
optimal. Einmal wurde eine 200kg schwere Prä
gemaschine von Vevey mit dem Zug nach Martigny
verfrachtet. Die Polizei wusste davon, observierte den Transport, um später die
Falschmünzer ausheben zu können. An der Kantonsgrenze Waadt/Wallis übergaben die
Waadtländer Polizisten den Bewachungsauftrag ihren Kollegen im Wallis. Letztere
folgten dem Transport bis nach Martigny. Dann wurde die Ware auf einen
Pferdewagen geladen und Richtung Châble im Bagnestal geführt. Dort verschwand
die Maschine in einem Hauseingang, von der Walliser Polizei
unbemerkt,
da diese versehentlich nicht anwesend war ! So blieben der Transportwagen und
die schwere Maschine leider unauffindbar ! Was für eine Blamage für die Polizei und
die Behörden ! - Wegen der teils schleppenden und ineffizienten Behandlung des Falles Farinet,
weil der Falschmünzer immer wieder aus dem Kerker ausbrach, sich frei bewegte,
intervenierten der Staat Italien in Bern und
sogar Bundesrat und Walliser Regierung.
Joseph-Samuel Farinet war nicht nur ein
geschickter Feinmechaniker und Geldfälscher. Er verstand es auch, von
den Frauen wohlwollend behandelt zu werden. Er besass eine
Dauerfreundin im Aostatal, Adelaide Mochettaz. Diese junge Frau musste des Geldes wegen einen 70jährigen Mann
heiraten, blieb aber nur 2 Monate bei ihm. Ihre Liebe galt immer nur Farinet, dem sie
sogar 1874 eine Tochter namens Marie-Célestine-Adèle Mochettaz
gebar. Wohl kehrte
Farinet immer wieder zu Marie-Célestine-Adèle zurück weil er sie liebte. Der
junge, blonde Mann mit den blauen Augen hatte
aber
eine
sonderbare Ansicht von Treue, er war nämlich auch den Walliserinnen zugetan. Als
er dann überbordete und gleichzeitig mit mehreren Frauen im Unter-Wallis engen
Kontakt knüpfte, kam es zur Eifersucht und für ihn zu einem tragischen Ende. Er
wurde nämlich von einer enttäuschten
Liebhaberin der Polizei verraten. Diese umstellte die Salentse-Schlucht bei Saillon,
wo sich Farinet versteckt hielt. Nach dreitägiger Belagerung erlitt Farinet dann
am 17. April 1880
den gewaltsamen Tod. Es ist bis heute nicht genau geklärt, ob Farinet von der Polizei erschossen wurde oder ob
er
auf der versuchten Flucht aus der Schlucht verunfallte oder sich gar
das Leben nahm. Man fand seine Leiche unten in der Schlucht im Wasser mit
zerschmettertem Kopf.
Das amtliche Wallis war Farinet
verständlicherweise schlecht gesinnt. Der Falschmünzer brachte ja den Behörden
und der Polizei rund 10 Jahre lang nur Ärger. Nach seinem Tode wurde er deshalb am Rande des
alten Friedhofes
von Saillon, dort wo die Mörder begraben werden,
in ungeweihter Erde verscharrt. Wie üblich ohne Gedenkstein und Kreuz. Erst 100 Jahre später
wurde er rehabilitiert. Es wurde eine
Gedenkfeier durch Pfarrer Follonier zelebriert und sogar die Kantons-Polizei
erwies Farinet die Ehre. Bernard Comby, Vorsteher des Walliser Justiz- und
Polizei-Departements und späterer Nationalrat würdigte die symbolische Bedeutung Farinets
in der heutigen Schweiz ! Sein Grab ist zwar weiterhin abgeschieden in einer
Ecke des Friedhofs bei der Kirche, hat nun aber immerhin ein hölzernes Kreuz mit
Namens-Aufschrift und eine etwas rudimentäre Grabeinfassung mit Anpflanzung.
Der Umstand, dass Farinet bei
Festen mit seiner Geige zum Tanz aufspielte und sein Falschgeld oft
spontan
unter den
Leuten verteilte, machte ihn bei der Bevölkerung sympathisch;
man war ihm deshalb weitgehend wohlgesinnt.
Joseph-Samuel Farinet wurde für das Wallis zum Robin Hood der Alpen. Das zeigt die Tatsache, dass der an der
Verfolgung Farinets beteiligte Polizist Carron aus Fully kurz nach dem Tod des
Falschmünzers nach Amerika auswandern musste, weil er dauernd von der Bevölkerung
(ungerechtfertigt ?) beschuldigt und beschimpft wurde, er hätte Farinet in der
Salentse-Schlucht erschossen.
Dass Farinet
ein so erfolgreicher Falschmünzer war und
bei der Bevölkerung Unterstützung fand, ist einer besonderen Tatsache zuzuschreiben. Gleichzeitig mit
dem Auftauchen seiner falschen Münzen hatte die Walliser Kantonalbank,
zuständig für Banknoten im Kanton Wallis, eine
finanzielle Krise. Alexis Allet, Regierungsratspräsident, Nationalrat und
Bundesrichter war stark am Schlamassel mitbeteiligt, musste unfreiwillig von
allen Ämtern zurücktreten. Die von der Bank 1858 bis 1870 ausgegebenen Banknoten
(Nominale zu 200, 100, 50, 20 und 10 Franken) verloren an Wert. Deshalb
bekam Farinets Geld den Ruf, mehr Wert zu haben als die Geldscheine der
Walliser Kantonalbank. Das Volk wurde misstrauisch gegen das Papiergeld; ein
Bauer weigerte sich einmal, eine 10-Franken-Note, die ihm einer aus Farinets
Falschmünzer anbot, anzunehmen und liess
sich mit (falschen ) 20-Rappen-Stücke auszahlen ! Ab 1872 mussten dann die wertlos gewordenen
Banknoten der Walliser-Kantonalbank sogar
auf amtliche Weisung hin gegen die Münzen des Bundes umgetauscht werden ! Die
Bank schloss ihre Schalter. Und
weil die Landesregierung in Bern, zuständig für Hartgeld, und der Kanton Wallis
sich stritten, wer Farinets Falschgeld einziehen müsse, blieb es vorerst in
Zirkulation. So bekamen Farinets 20-Rappen-Stücke unweigerlich den
Anschein von amtlicher Duldung und Legalität verliehen. Erst nach einiger Zeit
wurden die gefälschten Münzen dann eingezogen.
Die
seit 1850 von der Schweizerischen Eidgenossenschaft ausgegebenen
20-Rappen-Geldstücke, die wegen ihres grossen Nickelgehaltes einen hohen
Härtegrad hatten und sich gut als Patrizen-Stempel eigneten (mit dem man dann den
eigentlichen Matrizen-Stempel für die Falschgeldherstellung anfertigte), wurden vom Bund ab 1881 durch neue
Münzen mit einer weicheren Kupfer-Nickel-Legierung (die nicht mehr als
Stempelvorlage geeignet war) und
neuem Bild auf der Rückseite ersetzt; das Schweizerkreuz wich nun der Helvetia.
Die Münze ist seither äusserlich praktisch unverändert geblieben, also seit mehr
als 120 Jahren !

Farinet ist inzwischen im Wallis so populär geworden, dass es nun sogar einen Verein der Freunde Farinets, ein Geld-Fälscher-Museum in Saillon und Hotels sowie Bars mit Namen Farinet gibt. Schlussendlich wurde der kleinste im offiziellen Wein-Kataster registrierte Weinberg der Welt (in Saillon, hat nur 3 Rebstöcke) nach ihm benannt und jedes Jahr erntet eine international bekannte Persönlichkeit diese Reben. Und vor kurzem gaben die Walliser im Hinblick auf die im Wallis geplante Winter-Olympiade 2006 sogar eine Farinet-Medaille heraus. Aber hoppla, leider erhielt das Wallis diese Spiele nicht zugesprochen. Man berücksichtigte die Region Turin, welche ganz in der Nähe des Aostatales liegt, dort wo Farinet geboren wurde ! Farinet lässt grüssen !
Das ab 1850 neu geschaffene Einheitsgeld des Bundes (teilweise prägten die Kantone ihre eigenen Münzen ja bis 1848) war beim gewöhnlichen Volk noch nicht überall im Detail bekannt, somit wurde das Falschgeld von Farinet und anderen Münzen-Fälschern nicht sofort als solches erkannt. Die falschen Münzen kamen teilweise problemlos in den Umlauf, was noch mehr dubiose Leute animierte, Geld zu fälschen. Heute teilen die Numismatiker die unzähligen, gefälschten 20-Rappenstücke der Jahrgänge 1850, 1851, 1858, 1859 in Typen ein, um eine Systematik in die vielen Fälschungen zu bringen. -- Weil Farinet als relativ geübter Münzenfälscher vermutlich mehrere Stempel zur Falschgeld-Prägung benutzte, ist es heute leider kaum mehr möglich, eine gefälschte Münze als Farinet-Falschung zu identifizieren, dies obwohl es im Wallis einige wenige falsche 20-Rappen-Stücke gibt, z.B. im Geld-Fälschermuseum in Saillon, die nachweisbar von Farinet geprägt wurden.
Weshalb eigentlich nicht ins Wallis zum pittoresken, historischen Ort Saillon (bei Martigny) fahren, um dort das Falschgeld-Museum und den berühmten Farinet-Weinberg zu besuchen, weiter zur Brücke hoch über der Salentse-Schlucht, wo Farinet verstarb, zu pilgern und abschliessend einen edlen Tropfen Walliser-Wein zu einer Polenta in einem der romantischen Gasthäusern in Saillon zu genehmigen ? Oder gar eine Passfahrt vom Wallis aus über den Grossen St. Bernhard ins Aostatal zu unternehmen um dort den Spuren von Farinet an Ort und Stelle nachzugehen ?

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Wallis Aosta
Sollten Sie aber, liebe Leserinnen und Leser, aus welchen Gründen auch immer,
die häusliche Sitzgruppe einer Reise ins Wallis oder nach Italien vorziehen,
kein Problem. Willi Wottreng hat ein sehr
interessantes und auch ausführliches Farinet-Buch (1995 Edition Heuwinkel) über
den fleissigen und den Frauen wohlgesinnten "Gastarbeiter" aus Italien geschrieben. Diese
Lektüre, zusammen mit
einem Glas Dôle (Wein aus dem Wallis) genossen, wird Ihnen noch viele
interessante Sachen über den Falschmünzer offenbaren.
Anmerkung: Gewisse Texte, Fakten und Fotos dieser Seite sind mit Einwilligung des Autors, Herrn Willi Wottreng, dem Buch "Die phantastische Lebensgeschichte des Walliser Geldfälschers Joseph-Samuel Farinet, der grösser war tot als lebendig", 1995 Editions Heuwinkel, CH-1295 Carouge, entnommen.
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